Jeden Tag aufs Neue treffen wir Menschen Entscheidungen. Egal ob kleine oder große, leichte oder schwere, unbewusste oder bewusste. Laut Verhaltensforschern treffen wir im Schnitt etwa 20.000 Entscheidungen pro Tag. Natürlich geht es dabei aber nicht um wichtige Entscheidungen, wie zum Beispiel die Wahl des Berufs- oder Ausbildungsweges. Unsere täglichen Entscheidungen fangen schon in der Früh beim Aufstehen an.

Noch einmal auf Schlummern drücken oder Aufstehen? Kaffee oder Tee? Semmel mit Marmelade oder Käse? Den schwarzen Pullover oder den beigen? Heute mit dem Bus oder mit dem Zug zur Arbeit? Viele dieser Entscheidungen treffen wir innerhalb von wenigen Sekunden unbewusst. Unbewusste Entscheidungen werden oft als Bauchentscheidungen bezeichnet. Man geht beim Entscheiden also eher vom Bauchgefühl aus, ohne alles genau zu durchdenken.

Möchte ich arbeiten oder studieren? Für welches Studium entscheide ich mich? Soll ich meinen Arbeitsplatz wechseln? Soll ich mich von meinem Partner trennen? Viele andere Entscheidungen treffen wir wiederum erst nach langem Überlegen, durchdacht und voll bewusst. Wir sprechen dann von Kopfentscheidungen. Selbstverständlich braucht man für solche Entscheidungen eine wesentlich längere Bedenkzeit, als bei Bauchentscheidungen.


Schau ma mal!

Hier sind wir beim Kernpunkt meines Beitrages angelangt. Zwei Dinge stehen für mich fest. Punkt 1: wir leben in einer digitalen Welt, in der wir rund um die Uhr erreichbar sind. Punkt 2: wir möchten uns nicht festlegen. „Gehst du am Freitag Abend mit nach Wien?“ – und jetzt folgen Sätze, die man auf diese Frage meistens zu hören bekommt, bzw. die man selber genauso antworten würde: „Das entscheide ich dann spontan“ oder „Schau ma mal“. Warum verhalten wir uns so? Ich denke, dass wir zwar grundsätzlich alle interessiert daran sind, mitzugehen, jedoch nicht genug, um uns schon vorher festzulegen. Bin ich zu müde oder habe ich am Freitag einfach keine Lust? Um Freunde dann nicht zu enttäuschen, legt man sich sicherheitshalber einfach nicht fest und lässt sich somit bis zur letzten Minute alle Optionen offen.

„Ja, schau ma mal..“


Von der Angst, etwas zu verpassen…

Solche einfachen Entscheidungen bringen wirklich niemanden um den Verstand. Trotzdem können und/oder wollen wir uns nicht festlegen. Woran liegt das? Grundsätzlich gilt: je mehr wir überlegen, was richtig oder falsch ist, desto unsicherer werden wir. Die Entscheidung, am Freitag nach Wien zu gehen, ist aber keine Richtig oder Falsch-Entscheidung. Solche Fragen beantworten wir, denke ich, nicht sofort, weil wir insgeheim Angst haben, dass wir etwas besseres verpassen könnten. Vielleicht fragt mich ja noch jemand anders, ob ich etwas lustigeres unternehmen möchte…

Wir können uns nicht nicht entscheiden

In solchen Situationen scheitert es also daran, dass wir schlicht und einfach keine Entscheidung treffen wollen. Allerdings ist das dann auch eine Entscheidung. Wir können uns nämlich nicht nicht entscheiden. Denn wenn wir uns nicht entscheiden, haben wir uns trotzdem entschieden. Für diesen Freitag, den wir dann nicht in Wien verbringen, haben wir uns dazu entschieden, daheim zu bleiben. Und auch das ist ja eine Entscheidung, oder etwa nicht? Ebenso lässt sich dieser Gedankengang auf die Arbeitswelt und unser Privatleben übertragen. Egal ob ein Jobwechsel oder eine Trennung, die wir dann doch nicht durchziehen. In beiden Fällen haben wir uns dazu entschieden, zu bleiben. Ich hoffe, ihr versteht meine wirren Gedanken.


Mehr Entscheidungen treffen

Ich denke, wir sollten wieder damit beginnen, uns festzulegen. Nicht falsch verstehen, ich verlange von keinem, beim ersten Treffen zu entscheiden, ob die Liebe seines Lebens vor ihm sitzt. Apropos erstes Treffen. Gleich zu Beginn dieser Treffen hört man in der heutigen Zeit oft den Satz „Ich suche aber nichts Fixes“. Wir sind also auch dort schnell wieder an jenem Punkt angelangt, an dem wir uns zu nichts verpflichten möchten und dies unserem Gegenüber auch unbedingt sofort klarmachen wollen. Wir halten uns wieder einmal alle Türen und somit auch alle Optionen offen. Unsere Generation wird deshalb als Multioptionsgesellschaft bezeichnet. Eines sollten wir aber nicht vergessen…

Wer sich immer alle Türen offen hält, wird sein Leben auf dem Gang verbringen.

Also treffen wir doch einfach wieder mehr Entscheidungen! Sicher, im Nachhinein werden wir manche Entscheidung bestimmt nochmal in Frage stellen und werden bemerken, dass sie womöglich doch falsch waren. Allerdings haben wir dann auch einen ganz anderen Blickwinkel darauf. Uns liegen mehr Informationen vor, wir wissen dann, wie es uns emotional mit dieser Entscheidung geht und kennen eventuell sogar die Konsequenzen unserer Entscheidung. Das alles wissen wir aber eben immer erst im Nachhinein. Und trotzdem gilt:

Jeder Mensch macht in jedem Augenblick seines Lebens
das allerbeste, was er in diesem Augenblick tun kann.

Das heißt also, wir haben zum Zeitpunkt unserer Entscheidung, mit damaligem Wissensstand die beste Entscheidung getroffen, die uns möglich war. Das trifft sowohl auf wichtige Entscheidungen, wie die Berufswahl zu, als auch auf die weniger wichtigeren und schwerwiegenderen Entscheidung, wie zum Beispiel, ob ich jetzt am Freitagabend nach Wien gehe oder nicht, zu. Zuletzt möchte ich noch sagen, dass wir auch nach falschen Entscheidungen immer eine Wahl haben. Klar, entweder wir bemerken, dass diese Entscheidung richtig war, oder aber wir stellen schnell fest, dass wir uns falsch entschieden haben. Und dann? Dann haben wir wieder die Wahl: wir können alles so bleiben lassen oder wir entscheiden uns nochmal neu.