Egal wie weit ich mein bisheriges Leben rückblickend betrachte, ich würde behaupten, ich war schon immer ein sehr schüchterner und ruhiger Mensch. Während mein Bruder im Urlaub, im Freibad, am Spielplatz – egal wo – sofort neue Freunde zum Spielen gefunden und kennengelernt hat, habe ich mich immer im Hintergrund gehalten. Neue Freunde habe ich nur dann gefunden, wenn mein Bruder dabei war und die zu dem Zeitpunkt noch fremden Kinder angesprochen hat. Aber auch dann habe ich mich immer zurückgehalten, stand quasi immer „im Schatten“ meines Bruders. Nicht falsch verstehen, ich nehme ihm das überhaupt nicht übel, im Gegenteil. Ich wollte das so, ich hab mich quasi hinter ihm versteckt.

Ich finde mich regelmäßig in Situationen wieder, die herkömmlicher nicht sein könnten, die mich aber trotzdem nervös werden lassen. Die besten Beispiele: Reden vor anderen Personen halten (egal ob fremd oder nicht), Dinge machen, bei denen einem andere zusehen, Telefonate vor anderen Personen führen, fremde Personen ansprechen, … ich könnte die Liste noch wesentlich länger gestalten. Für mich war die „Panik“, die in solchen Situationen zum Vorschein kommt, etwas Normales. Irgendwann habe ich aber begonnen, mich genauer damit zu beschäftigen und bin relativ schnell zur Einsicht gekommen, dass es nicht normal ist, in solchen Situationen sofort zittrige Hände und/oder kurzes Herzrasen zu bekommen. Ich habe mich umgehört, nachgelesen, mich ein wenig schlau gemacht und bin irgendwann beim Stichwort „Sozialphobie“ gelandet.

Sozialphobie – was ist das?

Unter Sozialphobie versteht man im Wesentlichen die Angst eines Menschen vor einer kritischen Betrachtung durch andere Personen. Was mich besonders verwundert hat: nach der Depression und der Alkoholsucht stellt die soziale Phobie die dritthäufigste psychische Störung dar. Versteht mich nicht falsch, ich möchte damit nicht sagen, zu 100% davon betroffen zu sein und unter einer psychischen Störung zu leiden. Es gibt halt verschiedenste Ausprägungen dieser Phobie und manche davon kenne ich selbst sehr gut.

Unbegründete Ängste

Selbstverständlich gibt es unterschiedliche „Grade“ dieser Phobie, ich würde von mir selbst nicht behaupten, äußerst stark betroffen zu sein. Dennoch gibt es Situationen, die ich bewusst meide. Ein Beispiel: ich treffe mich mit Freunden auf einem Fest oder in einem Restaurant und bin spät daran, alle anderen sind schon drinnen. Ich würde vermutlich eher zuhause bleiben, als alleine reinzugehen. NO JOKE haha, ich möchte dann einfach, dass mich jemand von draußen abholt. Genau aus diesem Grund komme ich auch so gut wie nie zu spät, wenn ich mich mit Freunden irgendwo verabrede. Ich habe ansonsten das Gefühl, alle Blicke liegen auf mir. Sofort denke ich nach, was die anderen von mir halten. Ich befürchte, irgendeinen Stempel aufgedrückt zu bekommen – „wieso kommt die alleine, hat die keine Freunde. Ich habe außerdem einfach ein wenig Angst, mich zu blamieren oder lächerlich zu machen.

Mir ist bewusst, dass diese „Angst“ eigentlich total unbegründet ist, trotzdem schaffe ich es oft nicht, sie zu überwinden. Das Ausmaß einer sozialen Phobie kann man in vier verschiedene Kategorien unterteilen. Diese sind:

  • Normale Angst (Lampenfieber)
  • Krankhafte Ängste (bestimmten Situation)
  • Generalisierte Angst (nicht mehr situationsbezogen)
  • von Angst durchzogene Persönlichkeit, die alle Situationen meidet, die gefährlich werden können

 

Eine soziale Phobie der vierten Kategorie hat meistens einen kompletten Rückzug von der Außenwelt zur Folge. So schlimm ist es bei mir zum Glück ja nicht. Dennoch wäre mein Alltag oft wesentlich einfacher, wenn ich meine komischen und unbegründeten Gedanken diesbezüglich nicht mit mir herumtragen würde. Ich habe das Gefühl, dass die Blicke meiner Mitmenschen immer auf mich gerichtet sind. Ich hasse es, „im Mittelpunkt“ zu stehen und gehe zum Beispiel  so gut wie nie in ein Geschäft, indem ich der einzige Kunde bin. Mache ich im Fitnessstudio in einem Bereich als einzige Übungen und es sieht mir jemand anders von weiter weg dabei zu, möchte ich wieder aufhören. Ich hasse es nicht nur, vor großen Menschenmengen zu sprechen, sondern fühle mich meistens bereits in kleinen Gruppen sehr unwohl. In diesem Artikel vom Standard könnt ihr mehr darüber lesen. Außerdem findet ihr auch hier mehr Informationen dazu.

Sozialphobie

Der Aha-Moment

Während ich mich genauer über dieses Thema informiert und recherchiert habe, sind mir pausenlos Dinge eingefallen, die ich bis dato nicht sonderlich beachtet habe, die ich nun aber dieser „Sozialphobie“ zuordnen würde. Das Wort „Phobie“ klingt für mich immer so furchtbar dramatisch, die Bedeutung des Wortes lautet aber lediglich: eine Form der Angststörung, bei der die Ängste auf konkrete Dinge gerichtet und an bestimmte auslösende Objekte, Situationen gebunden sind. Ist also im Prinzip nichts anderes, als wenn jemand zum Beispiel unglaubliche Angst vor Spinnen oder Höhenangst hat.

Und bitte versteht mich wirklich nicht falsch, ich möchte mit diesem Beitrag nicht übertreiben und mich so hinstellen, als würde ich pausenlos von Ängsten verfolgt werden. Vielleicht findet sich jemand in diesen Zeilen wieder und weiß nun, dass er kein völliger Vollidiot ist, wenn er vor einem Telefonat zittrige Hände bekommt. Es geht auch vielen anderen so, ist quasi unnormal normal. Sätze wie „steiger dich nicht so rein“ oder „denk nicht so viel nach“ helfen einem übrigens nicht. Ich glaube, die beschriebenen Beispiele und Gedanken können auch nur diejenigen verstehen, denen es in den erwähnten Situationen ähnlich geht.

Einige der häufigsten Symptome einer Sozialphobie sind:
  • Erröten; Stottern
  • Zittern; zittrige Hände
  • Atemnot; Herzrasen
  • Bauchschmerzen; Schwitzen
  • Druckgefühl in der Brust

 

Ich habe in den oben angesprochenen Situationen, schon mehrmals einige dieser Symptome am eigenen Körper erlebt. Treten diese Symptome auf und es lassen sich hierfür aber keine körperlichen Ursachen feststellen, spricht man schon von einer sozialen Phobie. Diese kann übrigens auch vom Arzt nachgewiesen werden. Was ich davon habe, diesen Beitrag zu veröffentlichen? Gar nichts. Ich denke mir aber, dass sich vielleicht der ein oder andere damit identifizieren kann.

Weitere Thoughts-Beiträge findet ihr übrigens hier.