Kaum eine Frage stellen wir uns gegenseitig öfter – egal ob von Angesicht zu Angesicht, beim Telefonieren oder beim Schreiben von E-Mails und WhatsApp Nachrichten, wir fragen und ständig gegenseitig „Wie geht es dir?“ Dabei wollen aber nur die wenigsten eine ehrliche Antwort hören. Am deutlichsten wird diese Tatsache im englischen Sprachraum, wo die Frage „How are you?“ wahrscheinlich in 99 % aller Fälle automatisch mit „I’m fine, thanks“ beantwortet wird. So lernt man es sogar in der Schule.

„Wie geht es dir?“
„Danke, gut und selbst?“
„Auch gut.“


Geht es dir gut?

Diese Frage ist ja irgendwie noch besser. Bei der Fragestellung wird gleich mal im Vorhinein davon ausgegangen, dass es dem anderen gut geht. Andere Optionen schließt man aus. Schon klar, nicht jeder bekommt diese Frage in den gleichen Hals. Manchen freuen sich einfach über so eine Frage, weil sie quasi eine Aufforderung ist, das Gute im Leben zuzulassen. Ansichtssache.

Wir kratzen an der Oberfläche

Ich finde, dass die Frage nach dem persönlichen Wohlbefinden mittlerweile zu einer Höflichkeitsfloskel geworden ist. Leider ist es oft so, dass wir uns bzw. unsere Gegenüber sich gar nicht wirklich für das Wohlergehen des anderen interessieren. Mit einer ehrlichen Antwort wären wir beim Smalltalk total überfordert, also ist mehr als an der Oberfläche kratzen gar nicht erst erlaubt. Jetzt stellt euch mal folgende Situation vor: ihr fragt jemanden, wie es ihm geht und er antwortet „Danke der Nachfrage, aber mir geht es richtig beschissen.“

99 % aller Menschen lügen bei der Frage: „Wie geht es dir?“.
Und 99 % aller Menschen ist die Antwort des anderen egal.

Seien wir uns ehrlich, wir alle wären vermutlich total geschockt. Zuerst mal würde ein peinliches Schweigen eintreten, gefolgt von einer gestammelten Antwort wie zum Beispiel „Oje, warum denn?“. Dann würden wir verzagt feststellen, dass wir uns mit dieser Frage nur noch weiter in die Scheiße reiten, denn eigentlich wollen wir so viel Information doch gar nicht haben. Dabei sind wir es doch selber gewesen, die sich diese Floskel-Frage angewöhnt haben. Wenn wir die Antwort eigentlich nicht hören wollen, warum stellen wir die Frage dann immer wieder?


Wer täuscht hier eigentlich wen?

Der Fragesteller oder der Antwortende? Oder ist es gar keine Lüge, wenn man antwortet „Es geht mir gut“, obwohl wir gerade nicht weiter wissen, mit finanziellen Probleme zu kämpfen haben, eine langjährige Beziehung beendet haben oder eine uns nahestehende Person verloren haben? Doch es muss sich nicht immer um so ein schwerwiegendes Problem handeln, auch ohne Schicksalsschläge ist unser Leben eine Achterbahn und kaum jemandem geht es wirklich immer gut.

In welchem Verhältnis steht man?

Bei der Antwort kommt es natürlich immer darauf an, welches Verhältnis zwischen den Gesprächspartnern besteht. Ist es nur eine oberflächliche Bekanntschaft, würde ich die Antwort eher nicht als Lüge bezeichnen. Man stellt diese Frage eben nur aus Höflichkeit und man will nicht wirklich wissen, wie es einem geht. In diesem Fall würde auch ich mich vermutlich fast immer für die 0815-Antwort entscheiden. Aber was ist, wenn ein guter Freund oder ein Familienmitglied diese Frage stellt? Auch dann kann es leider sein, dass diese Frage nur höflichkeitshalber gestellt wird. Natürlich könnte man dann einfach fragen „Willst du das wirklich wissen?“. Macht man aber eher selten, da man den anderen damit quasi bloßstellen würde. Es bleibt uns also nur das Gespür für die Situation bzw. den Gesprächspartner und die Standardantwort „Danke, mir geht es gut“.


Und wie geht es mir?

Natürlich geht es mir gut. Ich bin nicht todkrank, habe eine Familie, auf die ich mich verlassen kann, Freunde, die immer für mich da sind, habe keine Geldprobleme und ein Dach über dem Kopf. Gründe genug, um immer mit „Mir geht’s gut“ zu antworten? Für mich ganz klar: Nein, denn manchmal denke ich über Dinge nach, die mir wirklich Bauchweh bereiten. Finde einfach keine Lösung für Probleme, weiß nicht weiter. Ich kämpfe mit bitteren Enttäuschungen. Trauere Freundschaften nach, die sich aufgelöst haben, merke wie man sich entfremdet. Ich fühle mit anderen so stark mit, dass ich manchmal sogar selber unter Problemen leide, die mich ja gar nicht direkt betreffen. Will, dass es jedem gut geht, stecke dafür selber zurück.

Mir geht es zwar gut, es gibt aber Dinge, die mich beschäftigen. Und ich finde, es ist durchaus erlaubt, die Frage mit „Mir geht es nicht so gut“ zu beantworten. Ich denke, wir sollten wieder damit beginnen, öfter die Wahrheit zu sagen. Das ständige Reinfressen der Dinge, die uns beschäftigen, macht unsere Situation nicht besser und vielleicht hat ja unser Gegenüber zufällig genau das gleiche Problem gehabt und kann uns helfen? Vielleicht aber auch nicht, dann haben wir aber womöglich trotzdem jemanden, mit dem wir reden können.